Seit 2008 ist die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit des Österreichischen Bundesheers in der heutigen Form strukturiert. Als eigene Abteilung im Ministerium für Landesverteidigung etabliert, vertritt das Team von Brigadier Klemens Hofmeister nicht nur die entsprechenden forschungsbezogenen Agenden des Bundesheers auf nationaler und internationaler Ebene, sondern trägt auch maßgeblich zur weiteren Forschungs- und Technologieentwicklung insgesamt bei. Durch den engen Kontakt zu den wichtigsten universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, aber auch zu Gremien wie dem Wissenschaftsrat oder der eigenen Wissenschaftskommission im Ministerium, hat die Abteilung stets den Finger auf den neuesten Entwicklungen. Und mit den Dienststellen wie dem Amt für Rüstung und Wehrtechnik, dem Führungsunterstützungszentrum, der Landesverteidigungsakademie oder der Theresianischen Militärakademie setzt das Bundesheer auch intern auf zukunftsorientierte Forschung.
Starke Partnerschaften
„Wir unterhalten sehr enge Partnerschaften zu bedeutenden Forschungseinrichtungen wie dem Austrian Institute of Technology (AIT) und Joanneum Research (JR)“, betont Brigadier Hofmeister. So wird am JR ein eigenes Robotikinstitut eingerichtet – das, so Hofmeister, wird eine der führenden Kompetenzstellen in Österreich und wohl auch in Europa zu einem Thema, das gerade in der Landesverteidigung und militärischen Forschung von essenzieller Bedeutung ist (siehe dazu auch Kasten). Das Bundesheer fördert über das künftige Verteidigungsforschungsprogramm auch diesen wichtigen Zukunftsbereich. Jährlich stehen dem Heer – dank Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, der die Bedeutung der militärischen Forschung als bedeutend einschätzt – nun fünf Millionen Euro an Forschungsmitteln zur Verfügung. Vergleichsweise wenig, betrachtet man die Ausgaben, die andere Länder für ihre militärische Forschung aufwenden, allen voran Großbritannien mit rund einer Milliarde Euro. Aber generell hat man sich in Westeuropa in den letzten Jahren sehr zurückhaltend gezeigt in der Verteidigungsforschung. Daher ist die Freigabe des Forschungsbudgets durch den Minister ein wichtiger Schritt „Wir werden diese Mittel zielbringend einsetzen“, sagt Forschungsexperte Hofmeister, „wir hoffen damit auch, eine Stärkung der österreichischen Forschungscommunity zu erreichen – etwa eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit bei großen internationalen Programmen –, durchaus auch verbunden mit einer wachsenden Bedeutung der militärischen Forschung.“
Themen für das Heer – und Österreich
Konkret arbeitet das Bundesheer derzeit an 15 Forschungsthemen, von denen 5-6 Kernthemen besonders offensiv behandelt werden sollen. Klemens Hofmeister: „Das Konzept für unsere Verteidigungsforschung stammt aus dem Jahre 2015 und wird gerade aktualisiert, insbesondere hinsichtlich der Art der Ausführung. Zusätzlich werden wir mit unseren Partnern die Ausrichtung in den wahrscheinlichen Forschungsthemenbereichen verfeinern und erforderliche Studien in Auftrag geben, damit dieser Ausbau der Verteidigungsforschung in Österreich zu einem Erfolg für alle Beteiligten wird.“ Eines der wichtigsten Themen ist jedenfalls der Bereich „Modelling & Simulation“. Dafür werden derzeit auch Mitarbeiter gesucht – Analytiker, Mathematiker, Experten für Prognosemodelle. Hier geht es vor allem um grundlegende Fragen, welche die Zukunft der Sicherheit und der Landesverteidigung betreffen. Ein Beispiel dafür ist der optimierte Einsatz von Truppen für die jeweiligen Aufgaben. Im Bereich der autonomen Fortbewegung arbeitet das Bundesheer beispielsweise mit dem AIT, Diamond Aircraft und der Drohnen-Firma Schiebel zusammen.
Der selbstfahrende Traktor
Ein erstes großangelegtes Forschungsprojekt ist der autonome Traktor, der mit dem AIT getestet wird. „Klingt weniger spektakulär, als es tatsächlich ist“, lächelt Hofmeister. Ein Anwendungsbereich für diese autonomen Traktoren sind blindgängergefährdete Räume, in denen das Leben von Menschen massiv gefährdet ist. Aber in weiterer Folge kann aus dem autonomen Fahren auch eine personenfreie Truppenbewegung entstehen. „Es geht im wesentlichen darum, die gesamte Versorgungskette, in der heute menschliche Einsatzkraft nötig ist, möglichst automatisiert zu gestalten. Sozusagen eine supply chain, die von Munitionsteilen, die von der Industrie kommen, bis hin zu Geschützstellungen reicht.“ Denn wo große Mengen für den Transport anfallen, ist auch viel logistischer und menschlicher Aufwand nötig. „Ich denke, dass wir in den nächsten 15 Jahren alle Arten von Transport- und Logistikkolonnen auf automatisierte Lösungen umgestellt haben werden“, meint Hofmeister.
Im Ernstfall ohne GPS
In diesem Zusammenhang arbeitet das Bundesheer auch an Lösungen, die unabhängig vom US-System GPS funktionieren – für den Ernstfall muss das Heer über eine entsprechende Kommunikations- und vor allem Navigationsfunktion verfügen. Auch hier hat das Bundesheer gemeinsam mit dem AIT eine Lösung entwickelt: Ähnlich dem berühmten „Google-Car“, das alle Objekte und Räume fotografisch erfasst, bewegen sich Heeres-Fahrzeuge in zuvor definierten Gebieten, fahren Routen ab und speichern alle wichtigen Gegebenheiten. Sollte das GPS ausfallen, können die Heeresfahrzeuge mittels der eigenen Routenplanung in Bewegung gesetzt werden. Ein zweiter Unabhängigkeitsfaktor vom US-GPS-System ist das Galileo-System, die europäische Antwort auf GPS. Das Bundesheer sollte nach Fertigstellung des Systems alle Fahrzeuge auf Galileo umrüsten. „Als Miteigentümer von Galileo können wir dann im Ernst- bzw. Anlassfall auch gewisse Dienste ein- oder ausschalten“, meint Hofmeister. Galileo ist um einiges präziser als GPS, selbst Wetterprognosen – nicht nur aus militärischer Sicht ein bedeutender Wissensfaktor – sind via Galileo deutlich konkreter zu treffen.
Kampf gegen Terrorismus
Das Bundesheer investiert aber auch aktiv in den Kampf gegen den Terrorismus jeglicher Art. Als besonders herausfordernd wird die Aufgabe des Counter-Improvised Explosive Devices (C-IED) gesehen. Ungefähr eine Million Euro wird in Projekten zum Einsatz gegen terroristische Angriffe zu Forschungszwecken aufgewandt. Hier geht es vor allem um das Erkennen von Musterabweichungen bzw. Anomalien im IKT-Verkehr. Wenn beispielsweise in Krisengebieten im Rahmen von UNO-Missionen signifikante Veränderungen in Funk-, Telefon- oder Datenverkehr festgestellt werden, lassen sich sofort Aufklärungstätigkeiten einleiten. Hier kommen im Einsatzfall bevorzugt Roboter zum Zug – vor allem kleine und mittelgroße Geräte. Auch bemannte und unbemannte Kleinflugzeuge für Detektion oder Zerstörung gefährlicher Objekte sind in solchen Situationen sinnvoll. „Es geht in jedem Fall um die Vermeidung von Kollateralschäden“, betont Hofmeister, „solche Lösungen sind deutlich sinnvoller und präziser als die amerikanischen Cruise Missiles.“ Und: Der Mensch muss jederzeit in die Systeme eingreifen können, wenn beispielsweise Kinder oder Truppen unbeabsichtigt gefährdete Räume betreten.
EU stockt Verteidigungsforschung massiv auf
Wie wichtig die Forschungstätigkeit von Heeren ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Hier wurden sehr viele Entwicklungen aus dem Armee-Bereich später erfolgreich in die zivile Gesellschaft überführt. „Doch in den letzten Jahren ist das Bild anders geworden“, meint Hofmeister, „Studien zeigen, dass das Militär zunehmend auf Entwicklungen aus dem zivilen Bereich zugreifen muss – wobei es aus sicherheits- und verteidigungspolitischer Sicht genau umgekehrt sein sollte.“ Besonders erfreulich ist daher für Brigadier Hofmeister das deutliche aufgestockte Forschungsbudget der EU für den militärischen Bereich. „Es werden nach derzeitigen Plan ab 2021 rund 3,5 Mrd. Euro für die nächsten sieben Jahre zur Verfügung stehen“, erklärt Hofmeister, „das heißt es gibt jährlich zusätzliche europäische Forschungsmittel in Höhe von 500 Mio. Euro. Wir arbeiten daher bereits heute sehr intensiv daran, Mittel aus diesem Topf für unsere Forschungen zu lukrieren.“
Hofmeister spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „neuen Dimension europäischer Gemeinschaftsforschung“, denn mit diesen zusätzlichen Mitteln habe die EU erkannt, wie bedeutend die militärische Forschung letzten Endes für die gesamte Bevölkerung ist. „Durch diese Förderungen entsteht eine wichtige, zusätzliche Dynamik in der Forschung“, betont Hofmeister. Er hofft, dass Österreich bedeutende Mittel für ausgewählte Forschungsprojekte erreichen kann. Der große Vorteil: „Das Bundesheer erhält auf EU-Ebene 100 Prozent Förderung für seine Projekte. Wenn wir beispielsweise 250.000 Euro auf drei Jahre für ein Teilprojekt erhalten, dann sind das drei neue Arbeitsplätze im F&E-Bereich, die wir schaffen können – ohne dass es uns einen Cent kostet!“
Hofmeister ist daher – so wie übrigens auch Minister Doskozil – überzeugt: „Wenn wir das klug machen, ist das ein gutes Geschäftsmodell für künftige technologische Entwicklungen aus unserem Land.“ Aber nicht nur für Österreich – auch das Bundesheer kann Innovationen durchaus gebrauchen. Bekanntlich war der Ausrüstungsstandard der Truppe in den letzten Jahren bei weitem nicht dort, wo er für die Erfüllung der vielseitigen Aufgabe sein müsste. Funktioniert das Modell, dann kann das Bundesheer kraft seiner technologischen Entwicklungen künftig auch aus eigener Kraft zu einer Stärkung des Militärkörpers beitragen.
Alle konkreten Projekte und Partnerschaften, die Brigadier Klemens Hofmeister in den letzten Jahren dank seiner Hartnäckigkeit und großem persönlichen Einsatz in die Wege geleitet hat, werden also künftigen Generationen – im Militär, aber auch außerhalb – wertvolle Dienste leisten. Hofmeister selbst wird das dann als sehr interessierter Beobachter mitverfolgen, denn mit Ende November 2016 tritt der Brigadier in den Ruhestand. Der Dank kommender Soldaten ist ihm jetzt schon gewiss.